1914 - Die letzten Tage vor dem Weltbrand
Am 28. Juni 1914 sterben bei einem Attentat in der serbischen Stadt Sarajewo der österreichische Thronfolger Franz-Ferdinand und dessen Frau. Die Tat des serbischen Studenten und Freiheitskämpfers Gavrilo Princip setzt eine Kette fieberhafter Besprechungen in den Regierungszentralen der europäischen Großmächte in Gang, die wenige Wochen später in den Ersten Weltkrieg münden.
Mehr als ein Jahrzehnt nach Ende des Ersten Weltkriegs entstand im Spätherbst 1930 diese erste filmische Aufarbeitung seiner Ursachen nach Dr. Eugen Fischers 1928 erschienenen Werk: "Die kritischen 39 Tage. Von Sarajewo bis zum Weltbrand".
Mit Albert Bassermann, Heinrich George, Hermann Wlach, Wolfgang von Schwind, Heinrich Schroth, Eugen Klöpfer, Karl Staudt, Reinhold Schünzel, Lucie Höflich, Oskar Homolka, Ferdinand Hart, Alexander Granach, Bruno Ziener, Fritz Odemar, Viktor de Kowa, Adolf Klein, Paul Bildt, Carl Goetz; Regie: Richard Oswald
Kritiken
"Gestützt auf historische Dokumente, schildert der Spielilm in Form einer Reportage die Ereignisse an den europäischen Höfen – mit Hauptgewicht auf dem Zarenhof – zwischen dem Attentat von Sarajewo, bei dem am 28. Juni 1914 der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz-Ferdinand und seine Gattin Sophie ums Leben kamen, und dem Kriegsausbruch Anfang August." filmportal.de
Hans Wollenberg schrieb am 21. Januar 1931 in der Lichtbild-Bühne:
„An innerem ethischem Volumen ist der Stoff ‚1914‘ nicht größer als der Stoff ‚Dreyfus‘. Das Dreyfus-Schicksal, der Kampf um Recht und Gerechtigkeit, geht die Menschheit nicht um ein Jota weniger an. An äußeren Dimensionen ist ‚1914‘ (präziser gesagt: der Inhalt der 39 Tage vor Kriegsbeginn) um ein unendlich Vielfaches weiter ausladend. Zwischen fünf Großmächten und Serbien rollten die Würfel der Weltgeschichte um das Schicksal von Nationen, von Millionen – um den Erdball. […] Diese Voraussetzung für filmisches Wirksamwerden war bei dem Stoffgebiet, an das sich Oswalds Autoren, Heinz Goldberg und Fritz Wendhausen, wagten, erst zu schaffen: die Gestaltung persönlichen, menschlichen Einzelschicksals. Und hier, genau hier, verwischt sich die Grenze zwischen Reportage- und dramatischem Film, zwischen darstellender und darbietender Scheidung bei ‚1914‘. Aus den Gestalten des politischen Bühnen-Vordergrundes vom Juli 1914 griffen die Autoren sich den Zaren und seine Umgebung heraus. Sie wählten diejenige Gruppe von Hauptakteuren, auf deren Schultern sie mit Recht die größte historische Verantwortung gebürdet sahen, die Personen, die in ihrer einzigartig absolutistischen Situation dem Psychologen wie dem Sensationsnerv am interessantesten dünken und – unter deren tragisches Schicksal die Geschichte längst ihren Schlussstrich für immer gezogen hat. So machten sie den Zarenhof, seine Figuren und Figurinen zum Hauptschauplatz und zu den Hauptrollen des Dramas 1914. Diesen dramaturgisch richtig geplanten Gedanken der Autoren hat Oswald mit Konsequenz und mit Gelingen verwirklicht. Eine großartige darstellerische Leistung stand ihm zur Seite: Reinhold Schünzel als Zar. Die in diesen Spalten jahrelang ausgesprochene Mahnung, dass ein Charakterdarsteller wie Schünzel sich zum Schaden deutscher Filmkunst an Clownerien vergeudet habe, findet in seiner ersten und sofort bezwingenden Sprechfilm-Gestaltung ihre Bestätigung. Sein Nikolai II, erdrückt vom Zwang zur Allmachts-Pose, hin- und hergerissen zwischen Gattin und Großfürst, zwischen Krieg und Frieden (den er halten will und der seinen schwachen Händen entgleitet), wird zum menschlichen Kraftzentrum des Filmganzen.“
Von Hans Feld ist am selben Tag im Film-Kurier Folgendes zu lesen: „Der Film deckt, beginnend mit dem Attentat von Sarajewo, den politischen Komplex auf; jene Schüsse also der ‚serbischen Hunde‘. […] Ein Drama passiven Heldentums blendet auf. Führer, die nicht imstande sind, Kombinationen zu erkennen; Verantwortliche, die es hinterher nicht gewesen sein wollen. Diplomaten, mit dem ganzen Pomp der Souveränitäts-Ideologie. Kleine Spieler – deren Einsatz die Völker mit Jahrzehnten von Blut und Elend bezahlten. Auf Petersburg richtet sich der Scheinwerfer. Sein Lichtkegel tastet die auch für die anderen Länder gültigen Wechselbeziehungen zwischen Politik und Armee ab. An der Newa ist man von der Notwendigkeit kriegerischer Auseinandersetzungen überzeugt und arbeitet darauf hin. In Frankreich tut man nichts zur Verhinderung. England, als einzige Macht, tut nicht mit und überlässt die Verantwortung den anderen. Und die Gegenseite, Deutschland-Österreich? Das Wort hat der Sachverständige, Eugen Fischer, Kenner der einschlägigen Literatur. Erst jüngst hat er vor Vertretern der Presse ausgeführt: "Fraglos liegt bei den kaiserlichen Regierungen von Deutschland und Österreich ein Teil von Schuld vor. Über das Maß sind die Meinungen geteilt, die Autoren des Films ‚1914‘ jedenfalls vertreten die mildere Richtung."
Im Dritten Reich wurde der Film vor allem wegen des jüdischen Glaubens seines Machers verrissen und gegen Richard Oswald gegiftet:
In Oskar Kalbus’ Vom Werden deutscher Filmkunst heißt es 1935: „In seinem ‚Dokumentfilm‘ ‚1914‘ hat sich Richard Oswald auch auf politischem Gebiet als Konjunkturritter versucht. Den Spender wissenschaftlicher Aufklärung von einst ‚interessieren‘ plötzlich die letzten Tage vor dem Weltbrand. Standen ihm für Abtreibung, Homosexualität und Syphilis im Film einst Magnus Hirschfeld und Iwan Bloch zur Seite, so muss ihn jetzt Eugen Fischer, der Schriftführer des Reichstagsausschusses zur Erforschung der Kriegsschuld, beraten. Oswald ging gleich wieder auf das Ganze, so dass die erste Fassung der ‚kritischen 39 Tage‘ von der Zensur verboten werden musste. Der verbotene Film wurde umgearbeitet und die Entstehungsgeschichte des Weltkriegs ‚objektiver‘ und ‚neutraler‘ geschildert. Der Film hat keine Handlung. Er ist nur ein trockener, flüchtig hingeworfener Querschnitt durch amtliche Dokumente, durch die europäischen Kabinette. Oswald verlässt sich in seinem Mangel an Regiekunst wieder einmal auf seine prominenten Schauspieler.“
Die Nachkriegskritik beschäftigte sich kaum mehr mit 1914:
Das große Personenlexikon des Films schrieb: Oswald „versuchte die Hintergründe über die Ursachen, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 führten, filmisch nachzuerzählen.“
Daten
Deutschland 1931
Laufzeit: 96 Minuten
Freigegeben: als Infoprogramm
Bild: 4:3 (1.33:1) Schwarzweiß
Ton/Sprachen: Deutsch (Dolby Digital 2.0 Mono)
Bonusmaterial
Buchschuber, Booklet mit Hintergrundinformationen und Biografien
System
DVD
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